Digitale Beteiligung in Zeiten von Corona: Thesen aus der Agentur-Perspektive

von Daniel Hitschfeld

Durch die Maßnahmen im Kontext des Coronavirus ist der Alltag in zahlreichen Bereichen des öffentlichen Lebens und in vielen Branchen – vom Tourismus bis zur produzierenden Industrie – weitgehend zum Erliegen gekommen. Es gibt aber auch Bereiche, in denen der Betrieb nicht gestoppt ist: So laufen beispielsweise Planungs-, Genehmigungs- und Bauprozesse von Infrastrukturvorhaben (in geringerer Geschwindigkeit) weiter. Damit entsteht die Notwendigkeit, die damit einhergehenden Informations- und Dialogformate in den digitalen Raum zu verlagern. Was sind die Folgen für Kommunikation und Dialog? Was lässt sich bereits als Erkenntnis festhalten?

Digital ist mehr als nur Ersatz

Viele der neuen Formate werden aktuell als „Ersatz“ oder als Zwischenlösung zur Fortsetzung der gängigen Präsenzformate beschrieben. Es ist aber damit zu rechnen, dass die Vorteile der digitalen Formate dazu führen werden, dass sich diese in Gänze oder zumindest in Teilen auch nach der Corona-Krise in der Beteiligung etablieren werden und die bekannten Formate ergänzen.

  • Beispiel „Umgang mit der schweigenden Mehrheit“: Diese erhält in digitalen Formaten mehr Möglichkeiten, Rückmeldungen abzugeben. Sei es in niedrigschwelliger Form durch einfache Abfragen von Positionen oder – stärker inhaltsbezogen – durch Fragen und Kommentare in unterschiedlicher inhaltlicher Tiefe.
  • Beispiel „Gewinn an Transparenz“: Durch digitale Formate werden Dokumentation und Aufbereitung von Beginn an einfacher. So bleibt auch im Anschluss und über längere Zeiträume hinweg nachvollziehbar, welche Argumente ausgetauscht und welche Positionen eingenommen wurden.

Die Formate werden spezifischer

Durch die Corona-Krise nimmt der Bedarf an digitalen Formaten und den passenden Tools zu. In Ergänzung zu den bereits etablierten Tools entsteht nun die Notwendigkeit der Ergänzung durch weitere, auf spezifische Anforderungen zugeschnittene Instrumente und Formate – etwa zum Austausch mit einzelnen Zielgruppen wie politischen Stakeholdern oder Grundstückseigentümern.

Der Aufwand bleibt

Eine Verschlankung des Organisationsaufwands wird mit den digitalen Formaten nicht einhergehen. Zwar entfallen Posten wie Raummieten und Catering, aber die Konzeption, Aufbereitung, Szenarienplanung, Vor- und Nacharbeiten, Testläufe und alle weiteren Aufgaben bleiben weiterhin anspruchsvoll. Und in der Anlaufphase entsteht mitunter gar ein höherer Aufwand, da viele Projekte und Prozesse bislang wenige bis keine digitalen Elemente beinhalten. Hier kann also nur begrenzt auf Etabliertes zurückgegriffen werden. Dass dieser Wandel zum Teil aus dem Homeoffice gesteuert werden muss, kommt hinzu.

Die Teilnehmerschaft wird nicht zum Selbstläufer

Ähnlich wie bei Präsenzformaten muss auch bei digitaler Beteiligung darüber nachgedacht werden, wie diejenigen integriert werden, die aus unterschiedlichen Gründen nicht teilnehmen können. Das wird zwar vereinfacht durch die Möglichkeit der Aufzeichnung von Vorträgen oder ganzen Informationsveranstaltungen, löst aber nicht die Frage des Umgangs mit denjenigen, die nicht online sind oder es nicht sein können (das ist insbesondere im ländlichen Raum ein Problem). „Digital first“ heißt nicht „digital only“. Gerade ältere Zielgruppen brauchen nach wie vor traditionellere Kanäle, wie Hotlines oder postalische Informationen und Beteiligungsmöglichkeiten, trotz der steigenden Zahlen der Internetnutzer in dieser Gruppen.

Niedrigschwellige Angebote schaffen

Auch diejenigen Stakeholder, die online sind, gehören zumeist nicht der Generation der „Digital Natives“ an. Daher sollten Onlinebeteiligungsmöglichkeiten so wenig Hürden wie möglich aufweisen. Das heißt z.B.: eher webbasierte statt softwarebasierter Lösungen.

Neue Zielgruppen erreichen

Durch die attraktive Aufbereitung digitaler Inhalte besteht die Möglichkeit, neue Zielgruppen zu erreichen, die zuvor keinen Zugang zu dem jeweiligen Projekt hatten. Insbesondere in der Bauphase sind Besucher auf der Baustelle oft nicht gerne gesehen. Durch die Verlagerung und Öffnung in eine digitale Dimension können zutrittsbeschränkte Bereiche für breitere Zielgruppen geöffnet werden. Das erfordert eine ansprechende Aufbereitung mit Bildern und Interviews sowie eine einfache Verfügbarkeit im Netz.

Rechtslage vs. Digitalisierung

Die Vorschriften für Genehmigungsprozesse sind noch nicht auf Digitalisierung eingerichtet. So ist etwa die physische Auslage von Planfeststellungsanträgen weiterhin vorgeschrieben, aber in Zeiten von Lockdown und Kontaktverbot kaum umsetzbar. Die Beschränkung auf eine digitale Bereitstellung wäre nach aktuellem Stand ein Verfahrensfehler. Darüber hinaus ist (noch) offen, wie etwa Erörterungstermine rechtssicher digital umgesetzt werden könnten.

Fazit

Die Digitalisierung erlebt im Moment einen branchenübergreifenden Aufschwung. Damit sind Vorteile verbunden – und viele Anforderungen an diejenigen, die ihre Arbeit jetzt in den digitalen Bereich verlagern müssen. Kommunikation und Dialog nehmen dabei wichtige Schlüsselrollen ein, von der projektinternen Organisation bis hin zum Austausch mit allen Stakeholdergruppen. In den kommenden Wochen und Monaten werden wir zahlreiche neue, kreative Tools im Einsatz sehen. Geotargeting zur Teilnehmeransprache, digitale Arbeitsgruppensitzungen und die Online-Baustellenbesichtigung: Wann, wenn nicht jetzt, könnte das flächendeckend Realität werden? Dabei sollte der Digitalisierungsschub nicht bei den privatwirtschaftlichen Vorhabenträgern Halt machen: Behörden und Verwaltungen sollten ihre Chance nutzen und ihre Stakeholder auch ins Netz mitnehmen. Wenn sich am Ende neue Standards wie Livestreams von Ratssitzungen oder die digitale Einreichung von Einwendungen etablieren, wäre viel gewonnen – im Sinne aller Akteure.

Daniel Hitschfeld (34), Senior Consultant bei navos – Public Dialogue Consultants GmbH am Standort Düsseldorf. Zu seinen Schwerpunkten zählen Bürgerdialog und Öffentlichkeitsarbeit für Infrastrukturprojekte in unterschiedlichen Planungs- und Genehmigungsphasen.


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