Dreiecksbeziehung: Es ist kompliziert zwischen Medien, Politik und Bürgern

Das Politische „versandet“. Der Welt der symbolträchtigen Institutionen steht die Welt der politischen Alltagspraxis gegenüber. „Auf der einen Seite entsteht eine Aktionsleere der politischen Institutionen, auf der anderen Seite eine institutionenlose Renaissance des Politischen.“ Konflikte werden unmittelbar verhandelt und gelöst – oder auch nicht. „Subpolitik“.

Was der Soziologe Ulrich Beck bereits 1993 formulierte, wirkt wie eine Zustandsbeschreibung unserer Tage. Bürgerinitiativen sind zu einflussreichen Gegenspielern geworden. Protesterfolge – von den 1968er über die Friedensbewegung bis hin zur Friedlichen Revolution – haben Partizipation zu einem gesellschaftlichen Wert gemacht. Durch Bildungsexpansion und Wohlstandszunahme wuchs die Selbstverständlichkeit, kritisch zu hinterfragen. Doch warnt Beck: „Subpolitik steht nicht nur der einen Seite offen“ und beschreibt die „rechtsradikalen Menschenjäger“. Der Text scheint brandaktuell.
Ungeahnt schwach wirken die früher einmal moderierenden Institutionen. Parteien, Gewerkschaften und Kirchen erleben massiven Mitgliederschwund und nachlassenden Rückhalt in der Bevölkerung. Gerade in Ostdeutschland sind die organisatorischen Flanken der Zivilgesellschaft wenig kräftig. Institutionenvertrauen hatte offenbar noch nicht genug Zeit, tief in der Bevölkerung zu verwurzeln. Pegida-Märsche und AfD-Wahlerfolge deuten auf eine Entfremdung von Eliten und dem Elektorat hin. Was früher vorbehaltlos akzeptiert wurde, weil es ‚von oben’ kam, wird aus genau diesem Grunde vielfach eben nicht mehr akzeptiert. Und die Medien? Sehen sich selber längst mit Akzeptanzfragen konfrontiert. Sichtbarstes Zeichen ist der Auflagenrückgang der Tageszeitungen. Ursache könnte neben der ‚Kostenlos-Mentalität’ auch jenes Gefühl der Entfremdung sein. Natürlich sind die ‚Lügenpresse’-Rufe absurd. Dennoch macht man es sich zu leicht, wenn man sie als reine Stimmungsmache Halbgescheiter abtut. Redaktionen und vor allem die Verlage haben sich teilweise selber zuzuschreiben, dass der Ruf ihrer Produkte an Glanz verloren hat. Wenn immer mehr Redaktionen in Zentralredaktionen zusammengefasst werden, leidet darunter die publizistische Vielfalt. Sinkende Vielfalt birgt die Gefahr, dass sich die Leser immer weniger in ihrer Zeitung wiederfinden. Gleichzeitig ist die Zahl der Ein-Zeitungs-Kreise in der Vergangenheit dramatisch gewachsen. Dort wo nur noch eine Zeitung am Ort existiert, verliert auch diese durch fehlende Konkurrenz an Qualität. Der Kostendruck, der zu Personalknappheit in den Redaktionen führt, tut sein Übriges. Wo wenig Zeit für Recherche bleibt, leidet das Produkt. Angesichts sinkender Auflage grassiert die Angst vor dem publizistischen Bedeutungsverlust. Denn da wäre ja auch noch das Netz, das um die Aufmerksamkeit der Mediennutzer buhlt und mit seinen Informations- und Unterhaltungshäppchen den neuen Nutzungsgewohnheiten des Publikums entgegenkommt. All zu viele Redaktionen erliegen der Versuchung, im Aufmerksamkeitswettbewerb mit Skandalisierung und Lautstärke um die Gunst des Publikums zu buhlen. Und das Netzpublikum goutiert dies auch noch: So wurden Boulevard- und Skandalgeschichten – selbst von Qualitätsmedien  – einer Studie des inzwischen verstorbenen Kommunikationswissenschaftlers Kurt Imhof zufolge – häufiger geklickt und ‚gelikt’ als etwa politische Inhalte und aufwändig recherchierte Stücke. Aktuelles Beispiel: Die Welle, die die Causa Böhmermann schlug, schluckte die Aufmerksamkeit zu den Panama-Papers. Doch ist gerade die Berichterstattung über politische Missstände von vitaler Bedeutung für eine lebendige Demokratie. Gleiches gilt für ein Hintergrundwissen beim Bürger. Legitimation durch Verfahren (Luhmann) tritt erst ein, wenn Bürger die politischen und juristischen Verfahren überhaupt kennen. Vieles davon ist komplex. Es erfordert Journalisten, die sich die Zeit nehmen (und bekommen) zu recherchieren, aber auch Leser, die im Nachrichtenstream nicht von einem Informationshappen zum nächsten springen. Meinungsbildung ist anstrengend.
Der Ausweg aus diesem Dilemma, die Beziehungstherapie, könnte aus Beteiligung bestehen. Die Entfremdung zwischen Bürgern und Politik lässt sich wohl am besten durch direkte, unmittelbare Kommunikation verringern. Nicht via Facebook und Twitter. Dort schmort man meinungsmäßig zumeist im eigenen Saft der Filterblase. Gremien, wie die von Claus Leggewie und Patrizia Nanz in „Die Konsultative“ beschriebenen Zukunftsräte – bestehend aus zufällig und repräsentativ ausgewählten Mitgliedern – könnten politische Debatten über langfristige Zukunftsfragen führen, sie auf breitere Füße stellen und Frustration vermeiden, die entsteht, wenn diskutiert wird und nichts mehr zu ändern ist. Solche Räte wären auch für Medienorganisationen selber denkbar (etwa öffentlich-rechtliche Sender). Die Berichterstattung über diese Räte würde Meinungsbildungsprozesse transparent machen und helfen, dass sich mehr Menschen vertreten fühlen. Offensichtlich brauchen wir diese neuen Arenen, wenn das traditionelle politische System „versandet“. Aber besser wir gestalten sie demokratisch, als dass sich jene Kräfte ihr bemächtigen, die Demokratie ablehnen. Denn „Subpolitik“, so warnte einst Ulrich Beck, steht allen Seiten offen.

Dieser Beitrag ist als wissenschaftlicher Gastbeitrag erschienen in „GLANZ – das Magazin zum Bundespresseball 2016“, S. 56-57. Weitere Ausschnitte aus dem Heft sind online verfügbar unter: http://bundespresseball.de/magazin/. Mehr zum Thema auch im Beitrag zur Debatte um „Lügenpresse“-Rufe und die Akzeptanz der Medien, der eine ausführlichere Version dieses Textes enthält.