Studie: Kommunikationserwartungen der Bürger bei Infrastrukturprojekten

Akzeptanz entsteht, wenn Organisationen adäquat auf Erwartungen in ihrem Umfeld reagieren und eingehen. Dies zeigte sich in meiner Studie zur Kommunikation bei Infrastrukturprojekten. Wie genau die Kommunikationserwartungen bei Bürgern aussehen, hatte ich damals aggregiert mit der Befragung von zahlreichen Meinungsführern (Politikern, Umweltschutzverbänden, Bürgerinitiativen) erhoben. Ein noch detaillierteres Bild zeichnet nun eine Studie der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftlerinnen Claudia Mast und Helena Stehle. In ihrer Studie „Infrastrukturprojekte im öffentlichen Diskurs“ untersuchten sie u.a. mittels repräsentativer Befragungen die Kommunikationserwartungen, die in Baden-Württemberg an Vorhabenträger in Sachen Projektkommunikation gestellt werden. Damit leuchtet die Studie einen „blinden Fleck“ (Mast & Stehle 2016a, S. 30) bisheriger Forschung aus.

Kommunikationsverhalten
Die ermittelten Erwartungen an Kommunikation passen ins Bild bisheriger Forschung sowie der Handlungsempfehlungen, die sich etwa in der VDI-Richtlinie 7000 zur Projektkommunikation oder der Handreichung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wiederfinden. Forderungen nach wertschätzender Kommunikation, einem ernst nehmenden und offenen Umgang mit Betroffenen sowie Frühzeitigkeit gehören zum Kanon der „zehn Gebote“ der Projektkommunikation. Als Quelle, das dürfte die Vorhabenträger aufhorchen lassen, wünschen sich die Bürger allerdings lokale, bürgernahe und unabhängige Akteure, wie Experten aus dem Verbraucherschutz, wissenschaftlichen Einrichtungen oder kommunalen Behörden, die allesamt nicht vom Vorhabenträger bezahlt werden (vgl. S. 43). Auch die unabhängige Lokalpresse steht in der Gunst der Bürger als Informationsquelle ganz vorn.

Beteiligung
In Sachen Beteiligung wünschten sich die Befragten eher kleine Gesprächskreise statt Massenveranstaltungen. Mit bereits praktizierten Formaten, wie Info-Märkten oder Bürgersprechstunden, die beispielsweise von den Übertragungsnetzbetreibern umgesetzt werden (vgl. Krebber 2016), kommen sie genau diesen Bedürfnissen bereits entgegen. Bei Mast und Stehle zeigt sich aber auch, dass eben nicht alle immer mitmachen wollen (wie es mitunter die Medienberichterstattung suggeriert), sondern dies sehr stark von der eigenen Betroffenheit abhängig ist (was die Mehrzahl der wissenschaftlichen Studien zeigt). Laut Mast und Stehle (2016a) will eine Minderheit von 40% selber aktiv werden bei Infrastrukturprojekten – darunter zumeist die sozioökonomisch besser gestellten. Beteiligungsformat Nummer eins sind und bleiben klassische Wahlen. (vgl. S. 120)

Anhand dieser diversen Beteiligungsbedürfnisse lässt sich bereits vermuten, dass auch Kommunikationsbedürfnisse bei Infrastrukturprojekten sehr unterschiedlich sind. Dies offenbar sich in einer spannenden Typologie kommunikativer Anforderungen der Bürger an die Projektkommunikation bei Energieprojekten, die die Autorinnen in einem Blogbeitrag zusammenfassen:

Vier Typen der Erwartungshaltung (Mast & Stehle 2016b):

  1. „Der anspruchsvolle Informationstyp“: Er erwartet anspruchsvolle Informationen, die ihm zugetragen werden sollen. Online-Quellen lehnt er dabei ab. Inhaltlich interessiert er sich vor allem für Aspekte, die seinen Wohnort betreffen, sowie für Nutzen, Folgen und die Begründung eines Projektes. Zum Austausch und zu eigener Aktivität ist er nur begrenzt bereit.
  2. „Der aktive Dialogtyp“: Dieser Typ legt ebenfalls großen Wert darauf, mit Anspruch informiert zu werden. Vor allem aber will er sich selbst aktiv einbringen, sich beteiligen und sucht den Austausch mit Verantwortlichen und Entscheidungsträgern sowie anderen BürgerInnen. Sein hohes Informations- und Austauschbedürfnis will er über zahlreiche Kanäle, die auch persönliche Gespräche umfassen, befriedigen. Ihm ist wichtig, dass er informiert wird, sich informieren und einbringen kann – und vor allem dass er gehört wird.
  3. „Der nutzenorientierte Gesprächstyp“: Er ist Austausch und Beteiligung nicht abgeneigt, erwartet aber, dass das Gegenüber aktiv wird und auf ihn zugeht. Dabei legt er besonderen Wert auf persönliche Kommunikation, die bevorzugt vor Ort stattfinden soll. Von seinen Gesprächspartnern – möglichst keine Politiker – wünscht er sich individuellen Rat und Hilfe für eigene Entscheidungen. Darüber hinaus interessiert er sich besonders für den Nutzen und die Folgen eines Projekts.
  4. „Der verschlossene Heimatverbundene“: Während dem „nutzenorientierten Gesprächstyp“ der Bezug zum Wohnort weniger wichtig ist, legt dieser Typ besonderen Wert darauf. Er will wissen, wie Projekte und Entwicklungen mit seiner Heimat zusammenhängen. Er legt dabei Wert auf Details, scheut jedoch den Austausch mit Verantwortlichen sowie anderen BürgerInnen. Dies gilt auch, wenn es darum geht, sich aktiv zu beteiligen. Er will informiert sein, ohne aber direkt involviert zu werden. (umfassend auch Mast & Stehle 2016a, S. 72f.)

Ein Gastbeitrag der Autorinnen (Mast & Stehle 2016b) mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse findet sich unter https://www.dialog-energie-zukunft.de/energiewende-kommunikation/.

Die Studie „Energieprojekte im öffentlichen Diskurs. Erwartungen und Themeninteressen der Bevölkerung“ von Claudia Mast und Helena Stehle (2016a) ist erschienen bei Springer VS, Wiesbaden, kostet 24,99 € und ist in vielen Hochschulen digital abrufbar via http://link.springer.com/book/10.1007%2F978-3-658-12711-4.