„Lügenpresse“-Vorwürfe: Haben Medien ein Akzeptanzdefizit?

„Lügenpresse“-Rufe gehören fest zum Repertoire der Anhänger von Legida, dem Leipziger Pegida-Ableger. Zu hören waren sie auch im Januar 2016, als einer MDR-Reporterin von einer Demonstrantin zuerst das Handy aus der Hand und dann ins Gesicht geschlagen wurde. Der „Bewegung“, der sich in Leipzig immer mehr Gegendemonstranten in den Weg stellten, als Legida selber an Anhängern zu mobilisieren vermochte, bedient sich nicht mehr nur Parolen und Demonstrationen. Durch ihre Botschaften werden offenbar Einzelne derart enthemmt, dass sie vor der Anwendung von Gewalt nicht mehr zurückschrecken. Mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“ hat sich die Leipziger Journalistin Caroline Thildy Kasper auseinandergesetzt und unter anderem mit der MDR-Reporterin, Journalisten und Wissenschaftlern gesprochen. Auch ich durfte ein paar Gedanken beitragen. Hier zunächst ihr Film (ca. 8 Minuten lang). Im Anschluss möchte ich mich näher mit dem offenkundigen Akzeptanzdefizit der journalistischen Medien auseinandersetzen.

In der Auseinandersetzung mit dem „Lügenpresse“-Vorwurf wurde mir deutlich, dass auch die Medien mit einem Akzeptanzdefizit konfrontiert sind. Angefangen bei der nicht enden wollenden Debatte um den Rundfunkbeitrag – jüngst von Pegida neu instrumentalisiert – und dramatisch ablesbar im unaufhörlichen Auflagenrückgang der Tageszeitungen. Der Vertrauensverlust ist auch messbar. Dem dieser Tage veröffentlichten „Reuters Institute Digital News Survey
2016“, zu dem das Hamburger Hans-Bredow-Institut eine Auswertung für Deutschland vorlegte, zeigt, dass nur 52 Prozent der Befragten (repräsentativ ausgewählte Internetnutzer ab 18 Jahren in Deutschland) der Aussage zustimmten, man könne „dem Großteil der Nachrichten meist vertrauen“. Dies waren 8 Prozent weniger als im Vorjahr. (vgl. Sascha Hölig / Uwe Hasebrink: (2016): Reuters Institute Digital News Survey 2016 – Ergebnisse für Deutschland. Hamburg:
Verlag Hans-Bredow-Institut; mehr dazu auch bei Netzpolitik.org)

Ursache könnte neben der vielbeschworenen Kostenlos-Mentalität auch ein Gefühl der Entfremdung zwischen Bürgern und Eliten – darunter auch Journalisten – sein. Gerade in Ostdeutschland sind die organisatorischen Flanken der Zivilgesellschaft ohnehin wenig kräftig. Institutionenvertrauen hatte – auch mehr als 25 Jahre nach der Friedlichen Revolution – offenbar noch nicht genug Zeit, in der Breite der Bevölkerung im Herzen zu verwurzeln. In DDR-Zeiten erlebten Bürger Medien als als Propagandainstrumente. Neues Vertrauen in die heute demokratischen Medien muss wachsen, was offenbar länger dauert, als viele Westdeutsche es sich vorstellen können. Gerade in diesem Zusammenhang stellt sich für den Journalismus in ganz neuer Weise die Legitimationsfrage.
Natürlich sind die „Lügenpresse“-Rufe absurd. Jeder, der auch nur ansatzweise Arbeits- und Thematisierungsprozesse der Medienlandschaft kennt, weiß, dass der Nachrichtenwert und nicht die Bundesregierung über das entscheidet, was publiziert wird. Dennoch macht man es sich etwas zu leicht, wenn man den Vertrauensverlust in die Medien als reine Stimmungsmache Halbgescheiter abtut. Teilweise haben es sich Redaktionen und vor allem die Verlage selber zuzuschreiben, dass der Ruf ihrer Produkte an Glanz verloren hat. Wenn immer mehr Redaktionen in Zentralredaktionen zusammengefasst werden, leidet darunter die publizistische Vielfalt. Sinkt sie, findet sich auch ein immer geringeres Spektrum an politischen Meinungen in der Berichterstattung wieder. Sinkende Vielfalt birgt die Gefahr, dass sich der Leser immer weniger mit seiner Zeitung identifiziert. Gleichzeitig ist die Zahl der Ein-Zeitungs-Kreise in der Vergangenheit dramatisch gewachsen. Kreise also, an denen es nur noch eine Zeitung am Ort gibt, die über das lokale Geschehen vor der Haustür aufklärt und wo die kritische zweite Meinung seit langem verstummt ist. Längst ist bekannt, dass wenn es keine publizistische Konkurrenz vor Ort gibt, auch die verbliebenen Titel an publizistischer Leistungsfähigkeit verlieren. Der Kostendruck, der zu Personalknappheit in Mantel- und Lokalredaktionen führt, tut sein Übriges. Wo wenig Zeit für Recherche bleibt, leidet die Qualität. Angesichts sinkender Auflage grassiert die Angst vor dem publizistischen Bedeutungsverlust. Denn da wäre ja auch noch das Netz, das um die Aufmerksamkeit der Mediennutzer buhlt und mit seinen Informations- und vor allem Unterhaltungshäppchen den neuen Nutzungsgewohnheiten des Publikums entgegenkommt. All zu viele Redaktionen erliegen der Versuchung im Aufmerksamkeitswettbewerb mit Skandalisierung und Lautstärke um die Gunst des Publikums zu buhlen. Und das Netzpublikum goutiert dies auch noch: So wurden Boulevard- und Skandalgeschichten – selbst aus der Feder von Qualitätsmedien  – einer Studie des inzwischen verstorbenen Kommunikationswissenschaftlers Kurt Imhof häufiger geklickt und ‚gelikt’ als etwa politische Inhalte. Aktuelles Beispiel: Die Welle, die die Causa Böhmermann schlug, schluckte die Aufmerksamkeit zu den Panama-Papers. Dies kann in der Tat verbittern. Oder ermutigen, weiter zu machen, denn es gibt auch noch eine Öffentlichkeit außerhalb der so genannten sozialen Netzwerke. Sie ist nicht so laut, wie die hasserfüllten Kommentarspaltenbeschmutzer, hat aber auch ein Recht auf Medien, die ihr die politische Willensbildung ermöglichen. Diese Öffentlichkeit fordert aber heute mehr denn je einbezogen zu werden. Journalistische Medien müssen sich erstens in erster Linie durch ihre Kompetenz legitimieren. Zweitens müssen sie offen sein für die Erwartungen, die an sie gestellt werden, etwa der nach stärkerer Einbeziehung der Mediennutzer und ihrer Interessen. Drittens müssen sie viel mehr ihr eigenes Handeln und das Handeln politischer Akteure erklären. Die legitimierende Wirkung von Verfahren, denken wir an Luhmann, tritt erst ein, wenn Bürger die Verfahren und ihre Wirkung kennen und wissen wie politisches und juristisches Handeln funktioniert. Vieles davon ist komplex und abstrakt. Es erfordert auf der einen Seite Journalisten, die sich die Zeit nehmen (und bekommen) zu recherchieren, aber es erfordert auch Leser, die sich nicht in einem Nachrichtenstream auf kurze Soundbites stürzen und dann zum nächsten Informationshappen weitersurfen. Meinungsbildung ist anstrengend.
Zentral ist aber vor allen Dingen, den Leser und den Bürger ernst zu nehmen und anzuhören. Nicht umsonst wird eine Selbstermächtigung des informierten Publikums von der Netzgemeinde gerade derart gefeiert, wie die Kaperung der Bundespressekonferenz durch Tilo Jung. Ohne großen Sender oder Verlag im Rücken, sondern nur mit einem Team intellektueller Köpfe sowie der ideellen und finanziellen Rückendeckung von Followern im Netz führt er regelmäßig die Entfremdung der Medien und der Politik vom Bürger und Mediennutzer vor. Er entlarvt durch seinen bisweilen auch nervigen Fragestil gekonnt rhetorische Sprachfiguren einer Parallelwelt. Gerade in der Diplomatie haben sie ihre Rechtfertigung, dennoch wirken sie wie vom anderen Stern. Und – so schließt sich der Kreis – wenn zu wenig Raum der Erklärung und Aufmerksamkeit der Nutzer übrig bleibt, löst sich die Ebene der Darstellung von Politik von der Ebene der Herstellung von Politik. Die Medieninszenierung wird schal und leer – auch weil sich die Regeln der Medienlogik mit einem immer kürzer werdenden Takt der Thematisierungen nicht mit den (meist zurecht) langwierigen Prozessen der Politikherstellung vertragen.
Der Ausweg aus diesem Dilemma besteht aus mindestens zweierlei: Erstens braucht es ein tiefergehendes Wissen über politische Prozesse sowie über Medien und ihre Funktionslogik in der demokratischen Gesellschaft. Damit geschieht eine Grundlegung, auf der demokratischer Diskurs erst wieder möglich wird. Dies ist Aufgabe vieler zivilgesellschaftlicher Akteure im Feld der politischen Bildung sowie der staatlichen Bildungseinrichtungen wie der Schulen. Zweitens bedarf es eines Klimas, in dem Bürger sich ernstgenommen fühlen und ernst genommen werden. Die Entfremdung zwischen Bürgern und Politik lässt sich in erster Linie durch direkte Kommunikation lösen. Und zwar nicht via Facebook und Twitter, dort schmort man meinungsmäßig zumeist im eigenen Saft. Miteinander reden baut Vorurteile ab und hilft, politische Prozesse verständlich zu machen. Dazu eingerichtete Gremien, wie sie etwa von Claus Leggewie und Patrizia Nanz mit der Idee der Zukunftsräte der „Konsultative“ beschrieben werden, helfen, politische Diskussionen auf einer breiteren gesellschaftlichen Basis herzustellen und das Scharnier zwischen politischen Eliten und dem Elektorat zu stärken. Ihrer Idee nach sollen zufällig und repräsentativ ausgewählte Bürger von der lokalen bis hin zur supranationalen Ebene Zukunftsfragen diskutieren und politische Leitlinien legen noch bevor die Sachzwänge Beteiligung einschränken. Medien hätten die edle Aufgabe, diese Meinungsbildungsprozesse transparent zu machen, durch Information und Recherche vorzubereiten und gesellschaftlicher Diskussion ein Forum zu bieten. Sie könnten aber auch selber solche Gremien ernst gemeinter Beteiligung einrichten. Sie würden einerseits helfen, den Teilnehmern ein authentisches Bild von Produktionsbedingungen journalistischer Medien zu vermitteln und andererseits die Bedürfnisse und Erwartungen an Medien in das Medienhandeln integrieren helfen. Vielleicht ein Ansatz zu mehr Akzeptanz der Medien.