„Participation Reporting“

Gesellschaftliche Akzeptanz ist zu einer zentralen Bezugsgröße für unternehmerisches Handeln geworden. Sie kann die Wertschöpfung entscheidend beeinflussen und muss von daher von Unternehmen aktiv gesucht und durch geeignete Massnahmen adressiert werden. Informationen hierzu gehören auch in die Berichterstattung – ein Plädoyer für „Participation Reporting“.

Streitthemen werden heute nicht mehr alleine in den Arenen des Politischen diskutiert, sondern zunehmend unmittelbar zwischen Organisationen und betroffenen Stakeholdergruppen ausgehandelt. Unternehmen, Verbände, Kirchen, die Politik – sie alle kämpfen um ihre gesellschaftliche Akzeptanz, um ihre „licence to operate“ zu sichern. Sichtbar werden diese Konflikte etwa bei Industrie- und Infrastrukturprojekten, bei denen sich gut organisierter Protest seitens materiell oder ideell Betroffener artikuliert und mit der Forderung nach Partizipation verbindet.Ähnlich wie Ökologie nach dem Engagement der Umweltbewegung zu einem gesellschaftlichen Wert wurde, gilt dies heute für Beteiligung. Doch gerade im unternehmerischen Kontext können verschiedene Stakeholder- und Shareholder-Interessen diametral auseinanderliegen. Wessen Interessen in das Unternehmenshandeln integriert werden, ist immer wieder eine schwierige Entscheidung des Managements.

 

Wie Unternehmen mit Partizipationserwartungen umgehen
Wie Unternehmen mit diesen Partizipationserwartungen umgehen, war Gegenstand einer umfassenden Studie an der Universität Leipzig, in der mehrere Infrastrukturprojekte in Deutschland analysiert wurden.* Aus den Daten wurde ein Beteiligungstypenmodell akzeptanzfördernder Projektkommunikation abgeleitet (vgl. Abbildung), das verschiedene Stufen der durch die Unternehmen zugestandenen Einflussmöglichkeiten für Betroffene identifiziert: von Information, bei der keine Einflussnahme zugestanden wurde, über Konsultation mit begrenzter Einflussmöglichkeit der Betroffenen, bis hin zu Kooperation mit großem Einfluss auf die Projektgestaltung. Es zeigte sich, dass je grösser die Abhängigkeit von den lokal Betroffenen war, umso höher das Maß in dem sie beteiligt wurden. Eingeschränkt wurde der Grad an Beteiligung durch technische, projektablaufbedingte wie auch rechtliche und ökonomische Aspekte.

Beteiligungstypenmodell akzeptanzfördernder Projektkommunikation (Krebber 2016, S. 245)

Beteiligungstypenmodell akzeptanzfördernder Projektkommunikation (Krebber 2016, S. 245)

Die Rolle der Berichterstattung
Entscheidungen, warum wem gegenüber wie viel Einfluss zugestanden werden kann, sind erklärungsbedürftig. In den 1970er und 1980er Jahren reagierten Unternehmen mit Sozial- und Umweltberichterstattung auf die zunehmende Erklärungsbedürftigkeit ihres Handelns. Sie nahmen damit gesellschaftliche Erwartungsstrukturen auf und zeigten, wie sie auf die Erwartung nach sozial- und umweltverträglichem Wirtschaften reagierten. Die heute relevante Erwartung nach mehr Beteiligung verlangt ein ähnliches Vorgehen. Die adäquate Reaktion auf Partizipationserwartungen muss gegenüber Shareholdern wie Stakeholdern dokumentiert werden. Vieles spricht dafür, in der Unternehmensberichterstattung aufzuzeigen, in welcher Form auf wessen Erwartungen eingegangen worden ist.

„Participation Reporting“ richtet sich erstens an die betroffenen Stakeholdergruppen selber, denen erklärt wird, welche Forderungen in die Ausgestaltung von Projekten integriert werden konnten und welche warum nicht berücksichtigt werden konnten.
Zweitens richtet sich „Participation Reporting“ an die Kapitaleigner, denen Entscheidungen erklärt werden müssen, die Geld kosten, aber zu einer besseren Akzeptanz eines Projektes führen können. So entschied sich beispielsweise der Mineralölkonzern in einer der untersuchten Fallstudien für ein umweltschonendes Vortriebsverfahren bei seinem Pipelinebau, wodurch eine Flusslandschaft und ein Auenwaldgebiet untertunnelt und nicht „durchbaggert“ wurden. Derlei Maßnahmen schmälern zunächst die Rendite der Anleger, auf lange Sicht sichern sie aber die Akzeptanz etwa von Bauprojekten, ermöglichen die Umsetzung und schaffen Handlungsspielräume in Zukunft, etwa zur Werkserweiterung. Wertschöpfungspotenziale entstehen zum Wohle von Anteilseignern, Standort und Mitarbeitern. Diese Auswirkungen auf Geschäftstätigkeit und Geschäftsmodell machen deutlich, dass «Participation Reporting» in den Geschäftsbericht gehört.

Handlungsspielräume durch „Participation Reporting“
Vermutlich wird der für das Reporting Verantwortliche nun die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: „Nicht noch mehr Informationen!“ In der Debatte um Integrated Reporting (<IR>) sind Stakeholder Relationships jedoch bereits in den Fokus gerückt. Das <IR> Framework fordert zu dokumentieren, inwiefern und in welchem Umfang das Unternehmen „legitime Bedürfnisse und Interessen“ der Stakeholder in Entscheidungsprozessen berücksichtigt – etwa bei Werkserweiterungen. Die Notwendigkeit, Partizipationshandeln zu dokumentieren ist also angekommen, muss nun aber in der Unternehmensberichterstattung ausbuchstabiert und verankert werden.

In Geschäftsberichten wird Partizipation – in der Beschränkung auf Wesentlichkeit – nur im Hinblick auf monetäre Aspekte und Konsequenzen thematisiert werden können. Darüber hinaus wird es jedoch notwendig sein, Stakeholder aus dem gesellschaftspolitischen Umfeld über geeignete Kanäle wie Microsites, stakeholderspezifische Berichte oder im Nachhaltigkeitsbericht zu adressieren. In der Berichterstattung über nachhaltige Unternehmensführung würde in der Dimension des Sozialen Partizipation so selbstverständlich thematisiert. Unternehmen könnten dokumentieren, wie sie den veränderten Erwartungsstrukturen in der Gesellschaft Rechnung tragen und hätten die Chance, auf diese Weise ihre gesellschaftliche Akzeptanz zu fördern.

* Krebber, F. (2016): Akzeptanz durch inputorientierte Organisationskommunikation – Infrastrukturprojekte und der Wandel der Unternehmenskommunikation. Wiesbaden: Springer VS.

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Durch ‚Participation Reporting’ zu mehr Akzeptanz“ in leicht veränderter Form zuerst in „The Reporting Times – DIE ZEITUNG DES CENTER FOR CORPORATE REPORTING“ erschienen. In der kürzlich veröffentlichten Ausgabe (Nr. 8/2016) steht die Frage im Mittelpunkt, ob durch Reporting eine Scheinwelt aufgebaut wird: „Im Spannungsfeld von Regulation, Stakeholder-Erwartungen und Eigeninteressen kommt es leicht zu Verzerrungen und zur Errichtung einer Scheinwelt. Diese mag Unternehmen kurzfristig nützen, Authentizitätsverlust und geringes Vertrauen in die Unternehmensführung können jedoch langfristig erheblichen Schaden anrichten. Dem Phänomen Scheinwelt und geeigneten Gegen-Strategien gehen Autoren in dieser Ausgabe von «The Reporting Times» nach.“ Die Zeitung steht online zum Download zur Verfügung: http://reporting-times.com/downloads/TheReportingTimes08.pdf