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Betroffenheit bei Infrastrukturprojekten: Von Geld und Werten

Warum sorgen gerade Infrastrukturprojekte so oft für Protest und Widerstand? Eine Ursache liegt in den hohen Zumutungen, die für (verhältnismäßig wenige) Menschen mit ihnen verbunden sind, während ihr Nutzen Vielen zu Gute kommt, die selbst oft ganz woanders wohnen. Der Stromkunde sieht die Masten der Übertragungsnetze zumeist genau so wenig, wie die Windräder oder Kohlekraftwerke, die weit weg den Strom erzeugen. Für ihn kommt der Strom aus der Steckdose. Auch der Fluggast wohnt selten in der Einflugschneise des Airports. Die Projekte tragen zum Gemeinwohl bei und werden oft weit weg vom Ort des Geschehens beschlossen und genehmigt.

Unter Beeinträchtigungen leiden die Betroffenen: Einschnitte ins Landschaftsbild werden als Zumutung wahrgenommen, Geräusche als störend. Mit einem möglichen Wertverlust von Häusern und Grundstücken werden ganz handfeste Konsequenzen von Infrastrukturprojekten befürchtet. Doch neben diesen materiell Betroffenen ist bei Infrastrukturprojekten eine weitere Gruppe relevant: gefühlt und immateriell Betroffene.

Diese gefühlte Betroffenheit kann beispielsweise aus einer besonderen emotionalen Verbindung zum Landschaftsbild entstehen. Die als Heimat wahrgenommene eigene Umwelt spielt eine wichtige Rolle.

Der lokale Raum bietet als Heimat auch Halt und Orientierung.

In einer globalisierten Welt, die immer undurchschaubarer wird, ist es das Lokale, das Orientierung bietet. Man kennt die handelnden Personen. Auf Politiker trifft man nicht im Fernsehen, sondern im Wirtshaus um die Ecke. Die Landschaft bietet Identifikations- und Rückzugsraum. Das Überschaubare in einer immer unüberschaubareren Welt wird auf diese Weise zur erweiterten persönlichen Sphäre. Tritt nun ein Projektträger mit dem Vorhaben einer Windkraftanlage oder einer Verkehrsinfrastruktur auf den Plan, dringt er auch in diese persönliche Welt ein und weckt Ängste – vor Veränderung oder gar Verlust dessen, was für die Betroffenen Heimat ausmacht.

Kulturkonflikte bei Wertfragen

Bei Eingriffen in die Natur kommt hinzu, dass sich auch Menschen aus einem weiteren Radius angegriffen fühlen. Die Unversehrtheit der Natur ist spätestens mit der Ökologie-Debatte der Umweltbewegung ein gesellschaftlicher Wert geworden. Nicht umsonst wurde die Debatte um die Thüringer Strombrücke so erbittert geführt. Die Durchquerung des Thüringer Waldes wurde als Angriff auf den Wald symbolisch aufgeladen. Damit wurde der Bau der Stromtrasse in einen bedeutungstragenden Bezugsrahmen (Frame) gesetzt, der über das Bauwerk hinausging. Werden dann derartige Konflikte durch Massenmedien aufgegriffen, kann auf diese Weise aus einem lokalen Thema eines von überregionaler Bedeutung und Beachtung werden, gerade wenn es innerhalb des Framings mit (Wert-) Konflikten oder Themen überregionaler Bedeutung besetzt wird. Sehr deutlich wurde dies am Beispiel des Bahn-Infrastruktur- und Städtebauprojektes Stuttgart 21. Bei dem Projekt waren viele Gegner nicht materiell betroffen, sahen sich aber vielmehr in ihren Werten angegriffen, schildert Göschel (2013):

„In Konflikten wie dem um ‚Stuttgart 21’ stehen sich keine verhandelbaren Positionen, sondern historisch geprägte, als Selbstverständlichkeit, als Habitus ausgeformte, milieuspezifische Identitäten gegenüber. Der Konflikt um eine Sache wird damit, wie in kulturellen Konflikten immer, zu einem Statuskonflikt. Es geht nicht – nur – um einen Bahnhof, es geht darum, welche Werte, Kriterien, Vorstellungen, welche Lebensformen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt als die verbindlichen, die legitimen, die vernünftigen anerkannt werden sollen.“ (S. 150)

Ganz konkret zeigte sich, dass der Umgang der Mächtigen mit den Bürgern sauer aufstieß. Die als mangelhaft empfundene politische Kultur und der (aus Sicht der Protestierenden nicht ausreichend gehörte) Wunsch nach Partizipation brachte Montag für Montag Menschen auf die Straße. Das Unbehagen eines Gefühls, die Mächtigen achteten zu wenig auf das Partizipationsbedürfnis der Bürger, traf weit über Stuttgart hinaus auf fruchtbaren Boden.

Konsequenzen für Projektkmanagement und Projektkommunikation

Für Projektträger bei Infrastrukturprojekten bedeutet dies, in die Analyse potenzieller Konflikte neben materieller Betroffenheit wie Sichtbetroffenheit, Wertverlusten von Grundstücken und Gebäuden, Lärm. oder Verkehrsbelastung auch die Ebene gesellschaftlicher Werte zu berücksichtigen. Zu diesen Werten gehört heute neben ökologischen Aspekten auch das Bedürfnis nach Beteiligung. Wie dies in geeigneter Weise implementiert werden kann, wird in diesem Blog noch Thema sein.

Literaturtipps:

Göschel, A. (2013). „Stuttgart 21“: Ein postmoderner Kulturkonflikt. In F. Brettschneider & W. Schuster (Hrsg.), Stuttgart 21 (S. 149–172). Springer Fachmedien Wiesbaden.
Schnelle, K., & Voigt, M. (2012). Energiewende und Bürgerbeteiligung: Öffentliche Akzeptanz von Infrastrukturprojekten am Beispiel der „Thüringer Strombrücke“; Studie erstellt im Auftrag von Germanwatch e.V., DAKT e.V., Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen. Erfurt: Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen. Abgerufen von germanwatch.org/en/download/4135.pdf
Krebber, F. (2015). Lokale Akzeptanzdiskurse. In G. Bentele, R. Bohse, U. Hitschfeld, & F. Krebber (Hrsg.), Akzeptanz in der Medien- und Protestgesellschaft (S. 113–126). Springer Fachmedien Wiesbaden. Abgerufen von http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-06167-8_7
Krebber, F. (2016): Akzeptanz durch inputorientierte Organisationskommunikation – Infrastrukturprojekte und der Wandel der Unternehmenskommunikation. Wiesbaden: Springer VS. (im Erscheinen)

Foto: Alois Grundner (CC0/Pixabay)

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